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Eine Frau, die man gern als Freundin hätte

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Ingrid Herzog ist eine attraktive Frau. In diesem Jahr wurde sie 64 Jahre alt. Das sieht man ihr nicht an, obwohl sie schon sehr früh erwachsen werden musste. Als Jugendliche wurde sie schwanger und bekam mit 15 Jahren ihren Sohn. Keine leichte Zeit in Ihrem Dorf, wo jeder mit dem Finger auf sie zeigte.

Mutter und Bruder gaben ihr Halt und Ihrem Sohn Harald die Geborgenheit einer Familie.

Nachdem sie die Lehre als Köchin erfolgreich beendet hatte, begann sie ein Studium. Nach erfolgreichem Abschluss übertrug man ihr, einer 25jährigen allein erziehenden Mutter, eine außergewöhnlich verantwortungsvolle Aufgabe. Sie übernahm die Leitung eines Ferienheims in Schierke. Nun muFoto von Ingrid Herzogsste sie von heute auf morgen die Verantwortung für 50 Angestellte und 300 Urlauber übernehmen. Es gelang ihr, weil sie über die große Gabe verfügt, sich in Menschen einfühlen zu können. Nicht lange reden, lieber handeln. Veränderungen machen ihr keine Angst. Sie lässt sich gern auf Neues ein.

So auch auf einen Mann aus Potsdam, den sie in Schierke kennen lernte. Kurz entschlossen beendete sie ihre Karriere und entschied sich für die Liebe. Aber ihrem Sohn gefiel es in Potsdam nicht. Zwischen Harald und ihrem Ehemann war das Verhältnis angespannt.

Als Mutter stand sie zwischen Baum und Borke. Die belastende Lebenssituation brachte sie manchmal an den Rand der Verzweiflung. Ihr Mann verkraftete den Arbeitsdruck nicht mehr und suchte Zuflucht im Alkohol. Haralds Probleme häuften sich.

Allein in ihrer Arbeit ging sie auf, lernte neue Menschen kennen, übernahm Verantwortung und wurde von vielen als Vertrauensperson geschätzt. Das war Ablenkung, aber nur für kurze Zeit, bis die Probleme wieder mit großer Wucht über sie herfielen.

Ihr Ehemann erkrankte schwer an Krebs. Fast gleichzeitig befand sich Harald in einer Psychose. Er litt unter Verfolgungswahn, Unruhezuständen und brachte sein eigenes Leben nicht mehr auf die Reihe. Eserforderte viel Kraft, den schwerkranken Mann zu pflegen, bis zum Tod zu begleiten, und sich gleichzeitig mit der "Verrücktheit" des Sohnes auseinander zu setzen.

Trotz starker, fast symbiotischer Mutter-Sohn-Bindung konnte sie ihrem Sohn nicht helfen. Verzweifelt suchte sie nach Hilfe, nach jemandem, der ihr die Krankheit erklären konnte. Ihre Stärken, nicht aufzugeben, sondern nachzufragen und Lösungen zu finden, halfen ihr.

In einer Selbsthilfegruppe für Angehörige psychisch Kranker fand sie Gehör und Menschen, mit denen sie ihr Schicksal teilen konnte. Das machte ihr Mut und gab ihr neuen Auftrieb, selbst aktiv zu werden. So ist sie eine Frau der Taten.

Die Gründung eines Landesverbandes für Angehörige psychisch Kranker lag ihr am Herzen. Zunächst arbeitete sie ehrenamtlich im erweiterten Vorstand. Als der Landesverband neu strukturiert werden musste, übernahm sie mehr Verantwortung, ehrenamtlich versteht sich, und sie organisierte den Umzug nach Potsdam. Für Probleme Lösungen zu finden, dafür hat sie Talent. Ein hartes Stück Arbeit, das sich gelohnt hat.

Geprägt durch die Härten des Lebens weiß sie, dass man immer wieder aufstehen muss, wenn man hinfällt. Und manchmal muss man auch um Hilfe bitten, um wieder aufstehen zu können.

Diese Hilfe brauchte sie, als ihr Sohn schwer krank wurde. Harald liebte die Freiheit, am liebsten wäre er nach Amerika ausgewandert, und doch fühlte er sich immer eingesperrt und verfolgt. Wie durch ein Wunder schleppte er sich aus seiner Wohnung und suchte unter freiem Himmel ein Plätzchen in der Natur, um zu sterben.

In ihrer Trauer und Not fand sie Trost bei vielen Menschen, die sie lieben und anerkennen.

Sie ist eine außergewöhnliche Frau, ein Mensch mit viel Wärme. Sie fühlt sich nie als Opfer und findet im Helfen und geben neuen Lebensmut. Eine Frau, die man gern als Freundin hätte.

 

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